Jörg Kantel denkt, ich würde ihm widersprechen. Das stimmt natürlich ein wenig - ich widerspreche der Fernbedienungs-Metapher. Ich widerspreche aber auch seiner Einbahnstraße: Das iPad ist kein Rückfall auf das one-way-web. Hey, ich blogge vom iPhone, wenn ich will. Ich kann mit Webseiten interagieren. Ich kann veröffentlichen. Und das wird auf dem iPad ganz genauso gehen.
Nur – kein Lehrer kann damit speziell für seine Schüler entwickeltes Unterrichtsmaterial in die Klassenzimmer bringen. Er kann nur Unterrichtsmaterial im App-Store kaufen.
Das ist doch schlichtweg falsch. Lehrerinnen und Lehrer können
Webseiten, sogar interaktive, für ihre Schülerinnen und Schüler bereitstellen
Dokumente zur Verfügung stellen und auch bearbeiten lassen
Spezielle Programme für spezielle Anforderungen nutzen (auch kostenfrei!)
und sogar selbst Apps entwickeln und kostenlos auf das iPad bringen.
Und der schöne Nebeneffekt: Man muss nicht in einen speziellen Computerraum und man ist nicht von der Gnade des Systemadministrators oder Virenscanners abhängig.
Jeder, der mal Unterricht mit Computereinsatz in der Schule gemacht hat, wird diese Vorteile zu schätzen wissen.
Speziell für den Mathematikunterricht füge ich jetzt hinzu: Besser als mit einem grafikfähigen Taschenrechner ist man mit dem iPad auf jeden Fall dran. Und wenn man sich die Anhörungsfassung des neuen Bildungsplan für Baden-Württemberg (Werkrealschule, für die Leser im Rest der Republik: das ist so etwas ähnliches wie Sekundarschule, Gemeinschaftsschule, Realschule, Hauptschule, Gesamtschule, …) anschaut, dann ist der Computereinsatz im Schulunterricht eh auf einem Stand von vor Alan Kaye. Der Computer wird nur als Rechenerleichterung gesehen.
Anstatt also das iPad zu schelten sollte man die Möglichkeiten sehen und ausnutzen. Es ist kein Computer, wie wir ihn kennen. Es ist aber auch keine Einbahnstraße. Es ist aber vielleicht die Zukunft des Unterrichtens.
Zunächst: Das Zitat von Jörg Kantel ("Fernbedienung für das Web") wird nicht richtiger dadurch, dass man es aus dem Zusammenhang reißt. Jörg Kantel beschwert sich darüber, dass weder Processing noch Python auf dem iPad laufen. So what. Damit kann man eventuell dem Gerät absprechen, ein vollwertiger Computer zu sein, aber mehr auch nicht. Ein vollwertiger Browser bleibt es.
Andreas Gebhard spricht von drei Faktoren, die darüber entscheiden, ob es sich um eine Fernbedienung oder ein neues Desktop-Paradigma handelt. Zum Desktop habe ich mich bereits geäußert - da kann man sich tatsächlich Gedanken drüber machen, es hängt aber nicht von irgendwelchen Faktoren ab. Außerdem ist die Entscheidung zwischen diesen beiden Möglichkeiten (Fernbedienung/Desktop) unsinnig.
Schauen wir uns die drei Faktoren an. Es ist etwas schwierig, diese zu finden, aber ich glaube, er meint:
Zusatzfunktionen und teilweise auch Inhalte müssen gekauft werden
Das iPad ist nicht Open Source
Neue Zielgruppen werden erschlossen
Zu (1): Aha. Der Vergleich mit dem Apple 1 ist Quark, denn da handelte es sich um einen Bausatz. Dass keine Tastatur mitgeliefert wurde ist eine lustige Parallele, aber da hört es auch schon auf. Das iPad ist in der Grundausstattung ohne einen weiteren Cent schon voll funktionstüchtig. Es geht gerade darum, keinen Bausatz zu haben, sondern ein fertiges Gerät. Apple setzt hier den Gedanken der Internet-Appliance endlich um.
Zu (2): Als Bahnfahrer sehe ich das Bild vom Auto mit zugeschweißter Motorhaube und festgelegtem Start und Ziel nicht ganz so kritisch. Genau das ist der Grund, weshalb ich Bahn fahre: Ich möchte von einem bestimmten Punkt zu einem anderen, und das ohne darüber nachzudenken, warum die blöde Lok heute nicht anspringt. Für diesen Service zahle ich. Das ist bei Software nicht anders: Ich möchte gar nicht mein Open Office selbst reparieren, sondern ich nehme lieber ein Programm, welches funktioniert. Irgendjemand muss die Arbeit, die in gute Software investiert wird, auch bezahlen. Bei vielen Open Source-Projekten passiert das über Hochschulen, an denen Programme (weiter-)entwickelt werden, bei den ganz großen Vorzeigeprojekten (Linux, Eclipse, Apache) über Firmen, die ein eigenes Interesse an der Software haben. Da funktioniert es auch gut, und das Open Source-Konzept bietet allen Beteiligten große Vorteile. In anderen Bereichen funktioniert es nicht so gut. Ich kann aber nicht verstehen, was das nun speziell mit dem iPad zu tun hat - ist es moralisch verwerflich, dass Apple damit Geld verdienen möchte? Ist es moralisch verwerflich, Entwicklern eine Plattform zu geben, mit der sie entweder Geld verdienen können oder - kostenfrei! - auch Programme verschenken können?
Ich sehe auch nicht, dass Apple die Kontrolle über die Inhalte ergreift. Kurz zur Erinnerung: Das iPad hat einen Web-Browser mit dem man durch das gesamte Internet surfen kann. Es funktioniert kein Java, es funktioniert kein Flash, das stimmt. Aber das darf man nicht so dramatisch sehen - was geht denn dadurch verloren?
Noch einmal zur Verdeutlichung: Bloß, weil Apple die Möglichkeit gibt, Inhalte zu kaufen (iBooks, iTunes, AppStore), verhindern sie nicht, dass man diese Inhalte kostenlos über das Internet bezieht - sofern diejenigen, die sie erzeugen, das möchten. Ich freue mich, dass ich Musik online kaufen kann. Ich freue mich, wenn ich demnächst für Bücher keine Bäume mehr fällen muss. Und ich freue mich, wenn ich Entwickler dafür belohnen kann, gute Programme auf eine sehr praktische Plattform zu bringen.
Zu (3): Ja, ich denke auch, dass neue Zielgruppen erschlossen werden, nämlich genau diejenigen, die Internet und E-Mail haben möchten, aber ansonsten keine Computer brauchen. Das sind viele, sehr viele. Ist es schlecht, ihnen diese Möglichkeit zu geben? Ich sehe das iPad da als die Nachfolge des Fernsehers (und Videorekorders): Man kann Inhalte empfangen, speichern, austauschen. Und das so einfach wie mit einem Fernseher.
Ich möchte also Jörg Kantel und Andreas Gebhard entgegen halten: Das iPad ist keine Fernbedienung, das iPad ist der Fernseher des Internetzeitalters.
Eine Bemerkung zum iPad liegt mir schon seit Tagen auf der Zunge (bzw. in den ecto-drafts). Apple war mit dem Macintosh in den 80er-Jahren die treibende Kraft hinter der Desktop-Metapher. Diese beinhaltet unter anderem, dass man dokumentenzentriert arbeitet. Man hat Dateien, diese kann man anschauen/bearbeiten/drucken/…. Das Mac OS ist schon seit jeher genau darauf abgerichtet gewesen, und Windows hat das Konzept auch übernommen.
Wir denken alle so.
Hier ist eine Textdatei. Öffne sie, um sie zu bearbeiten. Nicht: Nimm Word. Öffne diesen Text.
Hier ist eine PDF-Datei. Öffne sie, um sie zu drucken. Nicht: Öffne das Druckprogramm. Drucke diesen Text.
Hier ist eine DVD. Stecke sie in den Rechner, um sie zu hören. Nicht: Starte das Filmprogramm zum Abspielen.
Jahrelanges Training hat uns dazu gebracht. Auch im Detail läuft es oft so: Wähle das Wort aus und mache es fett. Nicht: Schalte auf fett und tippe das Wort (ja, das geht natürlich auch). Bei Geometrieprogrammen gibt es da einen Glaubenskrieg: Geometers' Sketchpad möchte, dass man erst die Objekte wählt, dann die Aktion. Cabri möchte erst die Aktion, dann die Objekte. Cinderella tendiert eher zu letzerem. Alle drei können eigentlich beides - aber Puristen finden, dass es so sein sollte wie "in allen Programmen" - erst die Objekte auswählen, dann die Aktion. Objektorientierung.
Das ist aber nicht immer richtig. Und das hat Apple schon früh gemerkt: Ich möchte nicht die Musikdatei/die Bilddatei/die WMV-Datei öffnen, um Musik zu hören/Fotos anzuschauen/Filme zu gucken. Ich weiß, was ich tun will, aber den genauen Inhalt möchte ich später festlegen. Und es ist mir piepegal, was für ein Dateityp für diese Aktion nötig ist. Also öffne ich iTunes oder iPhoto und bekomme dort die passenden Inhalte angeboten. Das ist genau das Gegenteil von dem, was Mac OS (ohne X) über Jahre gepredigt hat!
Auch E-Mails: Ich will keine Datei zu den E-Mails öffnen, ich möchte mein Mailprogramm öffnen. Natürlich. Klar. Aber ganz anders als das ursprüngliche Desktop-Konzept.
Und mit dem iPad wird dies nun auf alle Anwendungen ausgedehnt. Das iPad (wie das iPhone) ist App-centric, nicht Document-centric. Natürlich gibt es noch Dateien, aber immer nur dort, wo man sie braucht. Und ob man sie braucht, legt man durch die Wahl der App(lication) fest.
Darum ist es auch nur folgerichtig, dass das iPad kein Multitasking kann, jedenfalls nicht so wie herkömmliche Computer. Im Hintergrund werden Mails abgefragt und Daten synchronisiert, und es gibt Push-Notifications, die einem den Wechsel zu einer anderen Applikation nahelegen können. Das ist kein "missing feature", sondern Konzept.
Die Frage bleibt: Ist das ein gutes Konzept?
Ich halte es für gut, ja. Denn persönlich interessiert mich immer eher, was ich machen will, und erst in zweiter Linie, womit ich es tue (das mag für andere anders sein). Und es passt hervorragend zum Paradigmenwechsel in den Lehr- und Bildungsplänen: Wir geben nicht vor, welche Inhalte gelehrt werden müssen, sondern welche Kompetenzen erworben werden sollen.
Ist das iPad also der ideale Bildungscomputer?
Auf jeden Fall eine hochspannende Sache. Und erfreulich, dass Apple hier nicht konzeptlos rumbastelt, sondern dass dahinter ein großes Ganzes zu stecken scheint.
Wer erinnert sich noch an die Einführung von iTunes?
Damals hieß es 'Rip. Mix. Burn.' - damit wurde der Menschheit der Umstieg von physikalischen Tonträgern auf MP3 (ja, damals war es noch MP3, AAC kam später) schmackhaft gemacht. Man konnte die vorhandenen CDs in Dateien umwandeln und seiner iTunes-Bibliothek hinzufügen (und notfalls auch wieder brennen, wenn man noch Objekt-fixiert ist und die virtuelle CD nicht reicht).
Jetzt, mit dem iPad, werden wir uns von Büchern als Objekten trennen. Nur kommt diesmal direkt der iBooks-Store dazu (iTunes-Store gab es früher auch noch nicht), so dass man direkt eBooks kaufen kann.
Was passiert aber mit all den Büchern, die ich schon habe? Die im Moment viel Platz wegnehmen? Kann ich die nicht auch auf das iPad bekommen? Einen Einzugsscanner habe ich, da müsste ich nur die Buchrücken entfernen - rip. Dann Scannen. Und schließlich...
Schade. Da dachte ich gestern abend noch ich wäre der erste (nein, das habe ich nicht wirklich gedacht), der auf diesen tollen Namen kommt, aber die Salzburger Nachrichten haben mich um wenige Stunden geschlagen: Das iPad muss auf Deutsch Surfbrett genannt werden.
"Schatz, wo ist denn das Surfbrett?"
"Keine Ahnung, du hast es zuletzt benutzt!"
"Ach ja, hier liegt es zwischen den Sofakissen."
Dabei fällt mir ein wesentliches feature ein, welches wir für Surfbrett 2.0 haben wollen: eine Suchfunktion. Nein, ich meine nicht Spotlight, das hat es ja schon, sondern so einen pager-Knopf wie an der Basisstation des schnurlosen Telefons. Obwohl, Spotlight fürs Wohnzimmer (oder besser: Kinderzimmer!) wäre auch schön.