Heute morgen kommentiert Andreas Gebhard im Tagesspiegel (ebenfalls erschienen in den Potsdamer Neuesten Nachrichten) das iPad. Ich bin enttäuscht, dass jemand, der sich selbst einen neuen Denker nennt (seine Firma nennt sich immerhin "newthinking communications GmbH") nicht versteht, was das iPad ist und bedeutet.
Zunächst: Das Zitat von Jörg Kantel ("Fernbedienung für das Web") wird nicht richtiger dadurch, dass man es aus dem Zusammenhang reißt. Jörg Kantel beschwert sich darüber, dass weder Processing noch Python auf dem iPad laufen. So what. Damit kann man eventuell dem Gerät absprechen, ein vollwertiger Computer zu sein, aber mehr auch nicht. Ein vollwertiger Browser bleibt es.
Andreas Gebhard spricht von drei Faktoren, die darüber entscheiden, ob es sich um eine Fernbedienung oder ein neues Desktop-Paradigma handelt. Zum Desktop habe ich mich bereits geäußert - da kann man sich tatsächlich Gedanken drüber machen, es hängt aber nicht von irgendwelchen Faktoren ab. Außerdem ist die Entscheidung zwischen diesen beiden Möglichkeiten (Fernbedienung/Desktop) unsinnig.
Schauen wir uns die drei Faktoren an. Es ist etwas schwierig, diese zu finden, aber ich glaube, er meint:
- Zusatzfunktionen und teilweise auch Inhalte müssen gekauft werden
- Das iPad ist nicht Open Source
- Neue Zielgruppen werden erschlossen
Zu (1): Aha. Der Vergleich mit dem Apple 1 ist Quark, denn da handelte es sich um einen Bausatz. Dass keine Tastatur mitgeliefert wurde ist eine lustige Parallele, aber da hört es auch schon auf. Das iPad ist in der Grundausstattung ohne einen weiteren Cent schon voll funktionstüchtig. Es geht gerade darum, keinen Bausatz zu haben, sondern ein fertiges Gerät. Apple setzt hier den Gedanken der Internet-Appliance endlich um.
Zu (2): Als Bahnfahrer sehe ich das Bild vom Auto mit zugeschweißter Motorhaube und festgelegtem Start und Ziel nicht ganz so kritisch. Genau das ist der Grund, weshalb ich Bahn fahre: Ich möchte von einem bestimmten Punkt zu einem anderen, und das ohne darüber nachzudenken, warum die blöde Lok heute nicht anspringt. Für diesen Service zahle ich. Das ist bei Software nicht anders: Ich möchte gar nicht mein Open Office selbst reparieren, sondern ich nehme lieber ein Programm, welches funktioniert. Irgendjemand muss die Arbeit, die in gute Software investiert wird, auch bezahlen. Bei vielen Open Source-Projekten passiert das über Hochschulen, an denen Programme (weiter-)entwickelt werden, bei den ganz großen Vorzeigeprojekten (Linux, Eclipse, Apache) über Firmen, die ein eigenes Interesse an der Software haben. Da funktioniert es auch gut, und das Open Source-Konzept bietet allen Beteiligten große Vorteile. In anderen Bereichen funktioniert es nicht so gut. Ich kann aber nicht verstehen, was das nun speziell mit dem iPad zu tun hat - ist es moralisch verwerflich, dass Apple damit Geld verdienen möchte? Ist es moralisch verwerflich, Entwicklern eine Plattform zu geben, mit der sie entweder Geld verdienen können oder - kostenfrei! - auch Programme verschenken können?
Ich sehe auch nicht, dass Apple die Kontrolle über die Inhalte ergreift. Kurz zur Erinnerung: Das iPad hat einen Web-Browser mit dem man durch das gesamte Internet surfen kann. Es funktioniert kein Java, es funktioniert kein Flash, das stimmt. Aber das darf man nicht so dramatisch sehen - was geht denn dadurch verloren?
Noch einmal zur Verdeutlichung: Bloß, weil Apple die Möglichkeit gibt, Inhalte zu kaufen (iBooks, iTunes, AppStore), verhindern sie nicht, dass man diese Inhalte kostenlos über das Internet bezieht - sofern diejenigen, die sie erzeugen, das möchten. Ich freue mich, dass ich Musik online kaufen kann. Ich freue mich, wenn ich demnächst für Bücher keine Bäume mehr fällen muss. Und ich freue mich, wenn ich Entwickler dafür belohnen kann, gute Programme auf eine sehr praktische Plattform zu bringen.
Zu (3): Ja, ich denke auch, dass neue Zielgruppen erschlossen werden, nämlich genau diejenigen, die Internet und E-Mail haben möchten, aber ansonsten keine Computer brauchen. Das sind viele, sehr viele. Ist es schlecht, ihnen diese Möglichkeit zu geben? Ich sehe das iPad da als die Nachfolge des Fernsehers (und Videorekorders): Man kann Inhalte empfangen, speichern, austauschen. Und das so einfach wie mit einem Fernseher.
Ich möchte also Jörg Kantel und Andreas Gebhard entgegen halten: Das iPad ist keine Fernbedienung, das iPad ist der Fernseher des Internetzeitalters.