Eine Bemerkung zum iPad liegt mir schon seit Tagen auf der Zunge (bzw. in den ecto-drafts). Apple war mit dem Macintosh in den 80er-Jahren die treibende Kraft hinter der Desktop-Metapher. Diese beinhaltet unter anderem, dass man dokumentenzentriert arbeitet. Man hat Dateien, diese kann man anschauen/bearbeiten/drucken/…. Das Mac OS ist schon seit jeher genau darauf abgerichtet gewesen, und Windows hat das Konzept auch übernommen.
Wir denken alle so.
Hier ist eine Textdatei. Öffne sie, um sie zu bearbeiten. Nicht: Nimm Word. Öffne diesen Text.
Hier ist eine PDF-Datei. Öffne sie, um sie zu drucken. Nicht: Öffne das Druckprogramm. Drucke diesen Text.
Hier ist eine DVD. Stecke sie in den Rechner, um sie zu hören. Nicht: Starte das Filmprogramm zum Abspielen.
Jahrelanges Training hat uns dazu gebracht. Auch im Detail läuft es oft so: Wähle das Wort aus und mache es fett. Nicht: Schalte auf fett und tippe das Wort (ja, das geht natürlich auch). Bei Geometrieprogrammen gibt es da einen Glaubenskrieg: Geometers' Sketchpad möchte, dass man erst die Objekte wählt, dann die Aktion. Cabri möchte erst die Aktion, dann die Objekte. Cinderella tendiert eher zu letzerem. Alle drei können eigentlich beides - aber Puristen finden, dass es so sein sollte wie "in allen Programmen" - erst die Objekte auswählen, dann die Aktion. Objektorientierung.
Das ist aber nicht immer richtig. Und das hat Apple schon früh gemerkt: Ich möchte nicht die Musikdatei/die Bilddatei/die WMV-Datei öffnen, um Musik zu hören/Fotos anzuschauen/Filme zu gucken. Ich weiß, was ich tun will, aber den genauen Inhalt möchte ich später festlegen. Und es ist mir piepegal, was für ein Dateityp für diese Aktion nötig ist. Also öffne ich iTunes oder iPhoto und bekomme dort die passenden Inhalte angeboten. Das ist genau das Gegenteil von dem, was Mac OS (ohne X) über Jahre gepredigt hat!
Auch E-Mails: Ich will keine Datei zu den E-Mails öffnen, ich möchte mein Mailprogramm öffnen. Natürlich. Klar. Aber ganz anders als das ursprüngliche Desktop-Konzept.
Und mit dem iPad wird dies nun auf alle Anwendungen ausgedehnt. Das iPad (wie das iPhone) ist App-centric, nicht Document-centric. Natürlich gibt es noch Dateien, aber immer nur dort, wo man sie braucht. Und ob man sie braucht, legt man durch die Wahl der App(lication) fest.
Darum ist es auch nur folgerichtig, dass das iPad kein Multitasking kann, jedenfalls nicht so wie herkömmliche Computer. Im Hintergrund werden Mails abgefragt und Daten synchronisiert, und es gibt Push-Notifications, die einem den Wechsel zu einer anderen Applikation nahelegen können. Das ist kein "missing feature", sondern Konzept.
Die Frage bleibt: Ist das ein gutes Konzept?
Ich halte es für gut, ja. Denn persönlich interessiert mich immer eher, was ich machen will, und erst in zweiter Linie, womit ich es tue (das mag für andere anders sein). Und es passt hervorragend zum Paradigmenwechsel in den Lehr- und Bildungsplänen: Wir geben nicht vor, welche Inhalte gelehrt werden müssen, sondern welche Kompetenzen erworben werden sollen.
Ist das iPad also der ideale Bildungscomputer?
Auf jeden Fall eine hochspannende Sache. Und erfreulich, dass Apple hier nicht konzeptlos rumbastelt, sondern dass dahinter ein großes Ganzes zu stecken scheint.
Heute morgen kommentiert Andreas Gebhard im Tagesspiegel (scheint dort noch nicht online zu sein, daher der Link auf die Potsdamer Neuesten Nachrichten) das iPad. Ich bin enttäuscht, dass jemand, der sich selbst einen neuen Denker nennt (seine Firma nennt
Tracked: Feb 12, 09:28